Wenn das Einkommen über den Bio-Konsum entscheidet

Warum das Grundeinkommen eine ökologische Ernährung stärken könnte

Ist die Debatte über den Konsum von Bio-Lebensmitteln präsent, ist auch die Frage „Kann ich mir das finanziell (noch) leisten?“ nicht weit entfernt. Als Sozialwissenschaftlerin lese ich in dieser Frage eher einen soziökonomischen Diskurs:

Ist der Konsum von Bio-Produkten und die Auseinandersetzung mit ökologischen Lebensmitteln eine Klassenfrage und wie kann ein Grundeinkommen diesem entgegenwirken?

Mit dieser Fragestellung werden Bio-Lebensmittel weniger zur Geschmacksfrage als vielmehr zum Marker sozialer Zugehörigkeit. Denn bei der Kategorisierung von Konsument:innen in unterschiedliche Bio-Typen lässt sich nachvollziehen, welche Menschen aus welchen sozioökonomischen Kreisen (auch als Bubbles bezeichnet) mit welchen Lebensrealitäten identifizierbar sind. Deutlich wird: Die Bubbles streiten nicht miteinander, weil sie in der Regel gar nicht aufeinandertreffen – schlicht, weil sie unterschiedliche Lebensrealitäten haben und überwiegend in ihren Bubbles verbleiben. Das bedeutet nicht, dass es keine Verschiebungen der Lebensrealitäten gibt, doch selbst diese Veränderungen finden meist im Rahmen des (oft unfreiwillig gewählten) sozioökonomischen Kreises statt.

Jung, smart, Zeit & Geld: die Bio-Konsument*innen

In der Studie „Why Do Consumers Buy Organic? Exploring Motivations and Socio-Economic Patterns“ von  Jakubowska et. al (2025) heißt es:

“Younger generations, particularly Millennials and Generation Z, are more inclined toward purchasing organic food compared to older generations. This trend is often attributed to their heightened awareness of health and environmental issues.”[1]

Mein Freundeskreis ist ein Paradebeispiel dafür: Alle in ihren 30er – also alle Millennials. Zwar mit sehr unterschiedliche Lebensrealitäten, aber ausnahmslos alles Akademiker*innen mit durchschnittlich gut bezahlten Jobs, die es sich leisten können, Bio-Lebensmittel zu kaufen – die einen mehr, die anderen vielleicht etwas weniger.

Bioland-Einkaufstüte wird mit Bio-Produkten gefüllt, die vom Grundeinkommen eingekauft werden könnten

Während das Paar mit den zwei Kindern mittlerweile zweimal darüber nachdenkt, ob nicht auch die Nicht-Bio-Produkte ausreichen, werfen mein Partner und ich (beide in Vollzeit angestellt) gedankenverloren und fröhlich ein Bio-Lebensmittel nach dem anderen in den Einkaufswagen. Neulich, beim Kauf eines Stücks Bio-Fleisches für den sommerlichen Grillabend, hörte ich die Fachkraft zu meinem Partner sagen: „Das ist aber Bio…“ Charmant wie er ist, entgegnete er mit einem Lächeln nur: „Ja, deswegen bin ich hier.“ Daraufhin Stille.

Wenn ich an diese Szenerie denke, komme ich nicht umhin, über den soziökonomischen Graben nachzudenken, den man hier hineininterpretieren kann: Mein Partner, Akademiker, in einem sehr gut bezahlten Ingenieurberuf, kauft das frische Bio(-Land)-Produkt von einer Fleischfachverkäuferin, die sich vermutlich mit einem Nettomonatsgehalt von etwa 1.900 Euro (Brutto ca. 2.500 Euro) [2] zufriedengeben muss. Hier zeigt sich das Spannungsfeld der Sozialpolitik in Verbindung mit einem ökologischen Konsumverhalten auf: Das verfügbare Haushaltsbudget ist ein essentzieller Faktor bei der Entscheidung, ob Bio-Lebensmittel im Einkaufswagen landen oder nicht.

Es kann natürlich auch sein, dass die Verkäuferin (die meinen Partner so freundlich daraufhin wies, dass das Fleisch Bio(-land) sei) leider nicht so von Bio-Produkten überzeugt ist. Hier hätte ich sie natürlich freundlich, und ganz uneigennützig, auf diesen Blog hinweisen können…

Finanzielle Sicherheit durch Grundeinkommen

Ansteigende Lebenshaltungskosten, oft in Verbindung mit einem stagnierenden Einkommen, lassen insbesondere viele Familien über den Wert und die Notwendigkeit von Bio-Produkten nachdenken. Der durchschnittliche Nettolohn pro Haushalt liegt in Deutschland bei etwa 3.813 Euro.[3] Für ein Paarhaushalt (Mittelschicht) mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt dieser bei etwa 3.395 Euro Nettohaushaltseinkommen.

Damit kommt man schon durch, aber es zeigt, dass selbst bei durchschnittlichem Einkommen die steigenden Kosten den Handlungsspielraum einschränken – genau hierknüpft die Idee des Grundeinkommens an.

Das (bedingungslose) Grundeinkommen (engl. kurz UBI – universal basic income) soll jedem Menschen monatlich ausgezahlt werden (es gibt Variationen wie bspw. erst ab Volljährigkeit, erst mit Auszug aus dem Elternhaus usw.) und soll ungleiche Startbedingungen ins Leben minimieren. Dieses sozial-ökonomische Instrument hat aber nicht nur finanzielle Vorteile für angestellte Arbeitnehmer:innen, sondern auch für Arbeitgeber:innen wie bspw. selbständige Landwirt:innen und Bäuer:innen.

Mehr Einkommen = mehr Bio?

Das Narrativ, Bio-zertifizierte Produkte seien viel teurer, ist aus der Perspektive derer, die streng Preise vergleichen, (auf den ersten Blick) nachvollziehbar. Doch die Folgekosten, die eine nicht ökologische Landwirtschaft verursacht, sind hoch. [4]

Der Verein Mein Grundeinkommen e.V. berichten in einem Artikel, dass alle Gewinner:innen angaben, gesünder und bewusster zu konsumieren und „mehr regionale Bio-Produkte kaufen“ werden.  Ob dem wirklich so ist, lässt sich nur schwer überprüfen. Aber allein der Gedanke daran, zeigt schon, dass zumindest ein Bewusstsein innerhalb der Gesellschaft besteht. Klar ist: Wer weniger im Geldbeutel (oder in der digitalen Geldbörse) hat, greift auch seltener zu Bio-Lebensmitteln.

Jakubowska et al. (2025) berichten in ihrer Studie, dass ein höheres Haushaltseinkommen mit einer stärkeren Orientierung an pro-ökologischen und pro-gesundheitlichen Einstellungen zusammenhängt. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Preisbarrieren insbesondere in einkommensschwächeren Haushalten den Zugang zu Bio-Lebensmitteln erschweren.Verschiedene Bio-Lebensmittel im Kühlschrank die vom Grundeinkommen gekauft werden könnten

Die Autor:innen identifizieren drei Hauptmotive beim Bio-Kauf:

  1. Pro-Umwelt: Nachhaltigkeit und Umweltschutz,
  2. Pro-Gesundheit: Sicherheit und Gesundheit der Familie,
  3. Pro-Wohlbefinden: Genuss und ethische Überzeugungen.

Das Grundeinkommen (UBI) könnte hier ansetzen, indem es Haushalten die finanzielle Freiheit gibt, häufiger zu Bio-Produkten zu greifen, statt allein nach dem niedrigsten Preis entscheiden zu müssen.

Bildung als Schlüssel für Bio-Konsum

Einkommen allein erklärt Konsumverhalten jedoch nicht vollständig. Hinzu kommen weitere soziologische Faktoren, wie das Umfeld, das Elternhaus und eben auch Bildung.  Die Metastudie “On the Determinants of Pro-Environmental Behavior: A Literature Review and Guide for the Empirical Economist”[5], zeigt, dass Bildung der stärkste Treiber für pro-ökologisches Verhalten ist. Menschen mit höherem Bildungsgrad sind stärker umweltbewusst und neigen dazu, nachhaltige Kaufentscheidungen zu treffen.

Während ein höheres Einkommen zwar die Kaufkraft erhöht, kann es gleichzeitig auch zu mehr Ressourcenverbrauch führen (z. B. durch einen erhöhten Energieverbrauch auf Grund mehr Wohnraum)[6]. Also höheres Einkommen führt nicht automatisch zu einem umweltbewussten Verhalten. Bildung und die Vermittlung von Wirksamkeit hingegen können konsistent und verstärkt auf das Umweltbewusstsein der Menschen wirken.

Das bedeutet: Ein Grundeinkommen kann Zeit und Ressourcen schaffen, um sich mit Nachhaltigkeit, Ernährung und ökologischen Alternativen auseinanderzusetzen.

Grundeinkommen als Katalysator für den Bio-Markt

Die hier erwähnten Studien zeigen:

  • Finanzielle Sicherheit (durch UBI) senkt die Eintrittsbarrieren für Bio-Konsum.
  • Bildung und Bewusstsein sorgen dafür, dass dieser Konsum nicht nur aus Luxus, sondern aus Überzeugung geschieht.

Damit könnte ein Grundeinkommen ein Motor für eine nachhaltigere Ernährungsweise sein – mit positiven Effekten für Verbraucher:innen, Bio-Bäuer:innen und die Umwelt.

Fazit

Die Verbindung von finanzieller Sicherheit (durch das Grundeinkommen) und den in den Studien belegten Treibern – Einkommen, Bildung und Bewusstsein – zeigt großes Potenzial:

  • Grundeinkommen schafft finanzielle Freiräume für den Kauf von Bio-Produkten.
  • Bildung sorgt dafür, dass Konsument:innen diesen Freiraum auch für nachhaltige Entscheidungen nutzen.

So könnte ein Grundeinkommen auch die Transformation zu einem ökologischeren Ernährungssystem beschleunigen. Auch der positive ökologische Einfluss auf Klima und Umwelt durch eine Bio-Landwirtschaft, ist unabdingbar für diese Transformation. Wie wichtig ist das, lässt sich im folgenden Artikel nachlesen:

Besser Bio – Warum Öko-Landbau auch wissenschaftlich bewießen gut für Klima & Umwelt ist 

 

Ich werde natürlich weiter Bio-Lebensmittel in meinen Korb werfen, so lange es mir mein ökonomisches Polster noch erlaubt.  Aber wer sich selbst von Berufswegen als „Gutmensch“ bezeichnet & sagt, ihr sei die sozial-ökolgische Transformation wichtig, hat vermutlich auch keine andere Wahl…

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Quellen/zum Weiterlesen:

[1] Jakubowska et.al (2025): Why Do Consumers Buy Organic? Exploring Motivations and Socio-Economic Patterns. Agriculture 2025, 15, 50. https://doi.org/10.3390/agriculture15010050

[2] Lohnspiegel der Hans Böckler Stiftung: Gehaltsausverwertung; abgerufen am 08.09.2025, URL: https://www.lohnspiegel.de/gehaltsinfos/fleischereifachverkaeufer_in_62322100.html

[3] Destatis: Nettoeinkommen privater Haushalte nach Haushaltstyp; abgerufen am 08.09.2025, URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/_Grafik/_Interaktiv/einnahmen-ausgaben-haushaltstypen.html

[4] 800 Euro weniger Kosten pro Hektar und Jahr berechnen die Wissenschaftler für die Öko-Landwirtschaft, URL: https://www.oekolandbau.de/umwelt-und-gesellschaft/umweltleistungen-der-landwirtschaft/klimaschutz/prof-huelsbergen-wir-muessen-die-vorhandene-flaeche-besser-nutzen/  , https://www.bund-naturschutz.de/fileadmin/Bilder_und_Dokumente/Presse_und_Aktuelles/2023/Landwirtschaft_und_Gentechnik/PM_LFGM_17_23_%C3%96kolandbau.pdf

[5] Blankenberg, Ann-Kathrin and Alhusen, Harm, On the Determinants of Pro-Environmental Behavior: A Literature Review and Guide for the Empirical Economist (2019). Center for European, Governance, and Economic Development Research (CEGE), Number 350, October 2019, Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=3473702

[6] Oehlmann et. al. (2021): Wirkungen veränderter Einkommen auf den Ressourcenverbrauch; Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, S.80ff; URL: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2021_12_08_texte_04-2021_einkommen_ressourcenverbrauch.pdf

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Text:  Darina Fudulov, Bioland e.V.

Headerbild: Canva